Interview: Schwester Gudrun Steiß

Der Papst hat das weltweite Jahr der Barmherzigkeit ausgerufen. Was bedeutet dieses Jahr für uns? Fragen an Schwester Gudrun Steiß, Leiterin der Pastoralen Dienststelle im Erzbistum Hamburg.

Barmherzigkeit ist ein weiter Begriff. Was bedeutet dieses Wort für Sie?

Mich wundert, dass das Wort Barmherzigkeit bei vielen Menschen negativ besetzt ist. So, als sei Barmherzigkeit etwas, das die Guten gar nicht brauchen, sondern nur die „anderen“. Für mich ist Barmherzigkeit etwas ganz anderes. Im lateinischen „Misericordia“ stecken die Worte Leid und Herz: Im Herzen Gottes ist Platz für alle unsere Leiden und Nöte. Ich kann diese Last dem Herzen Gottes übergeben und seiner heilenden Liebe anvertrauen. Darum geht es.

Barmherzigkeit verbinden wir mit einer sozialen Haltung, in den Texten zum Heiligen Jahr stehen eher Buße und Versöhnung im Vordergrund. Was ist wichtiger?

Das ist für mich ein und dasselbe. Buße und Beichte heißt ja nicht, Sünden aufzuzählen und mit guten Taten zu verrechnen. Es geht darum, mich dem Antlitz des liebenden Vaters zuzuwenden – egal wie mein Leben aussieht. In dieser Begegnung findet Vergebung statt. Es wird heil, was verletzt ist und geheilt werden muss. Das bedeutet dann auch, dass wir uns selbst Menschen zuwenden, die in Not sind und ihnen die Liebe schenken. Und zwar ganz zweckfrei und ohne Eigennutz. Die vielen Freiwilligen in der Flüchtlingsarbeit geben dafür ein eindrucksvolles Beispiel.

Was soll das Jahr der Barmherzigkeit bewirken?

Es bietet uns die Gelegenheit, eine wesentliche Seite unseres Glaubens zu vertiefen und darüber zu sprechen – nicht nur innerhalb der Kirche sondern mit allen, mit denen wir zusammenarbeiten und leben. Das besondere Jahr bietet dafür viele Anknüpfungspunkte. Aber sein Anliegen ist natürlich nicht zeitlich begrenzt.

Interview: Andreas Hüser, Neue KirchenZeitung