Hirtenwort von Erzbischof Dr. Stefan Heße zum Jahr der Barmherzigkeit

Liebe Schwestern und Brüder,

seit Monaten erreichen uns immer wieder neue Bilder von Menschen, die nur das Notwendigste bei sich haben, oft viel zu dünn gekleidet und bei Wind und Wetter unterwegs sind, um irgendwo Zuflucht zu finden. Viele davon sind Kinder und Frauen mit furchtbaren Erlebnissen, die sie mit sich herumtragen. Aber es sind nicht nur Bilder in den Medien, sondern diese Menschen sind uns zu Nächsten geworden, direkt in unserem Land und in den Städten unseres Bistums. Gott sei Dank gibt es eine große Welle der Hilfsbereitschaft. Dafür bin ich jedem Einzelnen sehr dankbar!

Mir wird zunehmend deutlich: Man kann nicht leben ohne Zuneigung, ohne Hilfe, ohne Güte, ohne Liebe! Die Menschen, die auf der Flucht sind, können es nicht und wir auch nicht.

Papst Franziskus überschreibt seinen Dienst mit dem Leitwort „Barmherzigkeit“. Von Anfang an brachte er dies immer wieder zum Ausdruck. Deswegen verwundert es überhaupt nicht, dass er von Advent 2015 an die ganze Weltkirche dazu einlädt, ein Jahr der Barmherzigkeit zu feiern. Für ihn ist es ein Jubiläumsjahr, ein sogenanntes außerordentliches Heiliges Jahr.

Manchem mag das Wort von der Barmherzigkeit ein wenig sperrig vorkommen. Für die Bibel ist es ein Grundbegriff, der das Wesen Gottes zum Ausdruck bringt. Sie spricht wie selbstverständlich davon, dass Gott ein Herz hat und eine geradezu leidenschaftliche Liebe für den Menschen, besonders für den Armen im umfassenden Sinn.

Wenn wir in einigen Wochen Weihnachten feiern, dann ist dieses Fest Ausdruck der barmherzigen Liebe unseres Gottes. Gott wird Mensch wie wir und nimmt sich damit unserer Not an – nicht bloß kurzzeitig, sondern für immer; nicht einfach nur vom Hörensagen her, sondern mit seinem ganzen Sein.

„In Jesus spricht alles von Barmherzigkeit. Ja, er selber ist die Barmherzigkeit“[1]. Jesus verkündet diese Barmherzigkeit in seiner frohen Botschaft; ein Herzstück dieser Verkündigung ist das Gleichnis vom barmherzigen Vater bzw. verlorenen Sohn im 15. Kapitel des Lukasevangeliums.

Liebe Schwestern und Brüder, für das Jubiläumsjahr der Barmherzigkeit möchte ich Ihnen drei Anregungen mit auf den Weg geben:

  1. Auch wenn Papst Franziskus ein sogenanntes außerordentliches Jahr der Barmherzigkeit ausgerufen hat, ist die Barmherzigkeit Gottes alles andere als außerordentlich. Sie ist eben Gottes Wesen und schimmert auf jeder Seite der Heiligen Schrift durch. Hören oder lesen Sie doch einfach einmal in diesem Jahr die Schrift des alten und den neuen Bundes unter dem Gesichtspunkt der Barmherzigkeit Gottes. In den Sonntagsgottesdiensten dieses Jahres dürfte das sehr leicht fallen, weil wir sehr viele Texte aus dem Lukasevangelium hören, die diesen Charakterzug Gottes umkreisen.
  1. Feiern wir die Barmherzigkeit Gottes in unseren Gottesdiensten und Sakramenten. Barmherzigkeit will ja nicht nur mit dem Verstand bedacht, sondern auch im Herzen und mit dem Leib erfahren werden. Unsere ganze Liturgie ist ein einziger Erfahrungsraum der barmherzigen Liebe Gottes. Mir liegt hier besonders das Sakrament der Versöhnung am Herzen, in dem der Einzelne diese verzeihende und barmherzige Liebe Gottes persönlich erfahren kann. Barmherzigkeit – so wird im Bußsakrament deutlich – ist viel mehr als die Wiederherstellung alter Verhältnisse. Sie führt stets tiefer in die Liebe hinein!
  1. Und schließlich: Wer Gottes Barmherzigkeit erfährt, den drängt es, sie selber auch zu tun. Am Ende des Matthäusevangeliums legt Jesus uns sieben konkrete Werke der Barmherzigkeit ans Herz: Hungrige speisen, Durstigen zu trinken geben, Nackte bekleiden, Fremde aufnehmen, Kranke pflegen, Gefangene besuchen und Tote begraben. Dazu entwickelten sich im Laufe der Zeit die sogenannten geistigen Werke der Barmherzigkeit. Vor etwa zehn Jahren hat Bischof Wanke aus Erfurt diese Werke der Barmherzigkeit ins Heute übertragen. Bei ihm nimmt die Barmherzigkeit dann folgende Formen an: Ich gehe ein Stück mit dir, ich teile mit dir, ich rede gut über dich, ich besuche dich, ich bete für dich…. Ich möchte Sie herzlich einladen, die Barmherzigkeit konkret in Ihr persönliches Leben zu übersetzen und durch Taten Wirklichkeit werden zu lassen. Gehen Sie dabei bitte auch barmherzig mit sich selbst um.

Liebe Schwestern und Brüder, ich würde mich sehr freuen, wenn der Impuls von Papst Franziskus möglichst viele im Erzbistum Hamburg erfassen könnte. Deswegen lade ich Sie alle in unseren Gemeinden und Pastoralen Räumen, in den Verbänden, bei der Caritas, in unseren Schulen, alle Seelsorger, unsere Ordensleute, ja jeden Einzelnen dazu ein, sich so sehr an Gottes Barmherzigkeit zu freuen, dass wir in unserer Ortskirche und in unseren Kommunen dieser Barmherzigkeit den Weg in den Alltag bereiten.

Mit herzlichen Grüßen und Gottes Segen verbleibe ich

Ihr Erzbischof Stefan


 

[1] Papst Franziskus, Botschaft zum 31. Weltjugendtag in Krakau vom 28.09.2015.